Interview mit Dr. Kinga Dunin

Agnieszka Pawlak, Projektassistentin in meinem Büro, sprach mit Dr. Kinga Dunin zur gleichstellungspolitischen Lage in Polen. Dr. Kinga Dunin ist Soziologin, Literaturkritikerin und Schriftstellerin. Sie publiziert regelmäßig in Wysokie Obcasy, einem Frauenextra von Gazeta Wyborcza, der größten polnischen Tageszeitung.
Sie schreibt auch für Krytyka Polityczna, einer sozial-politischen Zeitschrift, dessen Ziel es u.a. ist, eine neue linke Bewegung in Polen aufzubauen. 2004 hat sie die Grüne Partei in Polen mitgegründet. Sie lebt in Warschau und arbeitet dort an der Medizinischen Universität.

In diesem Jahr feierte die zum Frauentag organisierte Manifa, eine alljährliche Demonstration organisiert von feministischen Gruppen in den Großstädten Polens, ihr 10-jähriges Jubiläum. Was wurde durch sie in dieser Zeit in Polen verändert? Warum ist es immer noch wichtig, zu demonstieren und für Frauenrechte zu streiten?

Die ersten Manify waren gegen-kulturelle Ereignisse, die auf die Problematik der Gleichstellung der Frauen mit der Methode des Skandals aufmerksam gemacht haben. Längst stellen sie keinen Skandal mehr dar, sondern ein jährliches Ereignis, das daran erinnert, dass die Frage der Gleichstellung der Frauen in Polen immer noch präsent ist. Arbeitergruppen haben sich den Manifestationen angeschlossen, statt chauvinistischer Kommentare informieren die Medien ziemlich aufrichtig über die Postulate der Frauenbewegungen. Die Manify sind wie ein großes Aushängeschild unserer Aktivitäten – Dank ihnen finden Frauen ihren eigenen Weg zum Feminismus… der Mainstream wird gezwungen, sich mit den Themen zu beschäftigen, die oft missachtet werden.

Gleichstellung betrifft alle Menschen. Die Änderung der Situation der Frauen beeinflusst auch die Situation der Männer. Ich meine damit z.B. die Aufgabenteilung in der Familie. Wie steht es in Polen mit dem Engagement der Männer in Sachen Gleichstellung?

Es traten Männer hervor, die sich als Feministen deklarierten, im vergangenen Jahr haben viele bekannte Männer einen offenen Brief unterschrieben und ihre Bereitschaft erklärt, die Gleichstellung der Geschlechter zu befördern. Das kulturelle Männerbild ändert sich, vor allem das des Vaters. In diesem Jahr wurde endlich der Vaterschaftsurlaub eingeführt, in der kleinen Dimension von einer Woche, aber immerhin.

Diesjähriges Motto der Manifa war: „Solidarisch in der Krise. Solidarisch im Kampf.“ Wie sieht die Solidarität der Polinnen in der Zeit der Krise aus? Kann man eine Intensivierung der Zusammenarbeit beobachten?

Ja, die Kooperation zwischen feministischen Gruppen und den Gewerkschaften in weiblichen Berufen – Krankenschwestern, Supermarktmitarbeiterinnen, Lehrerinnen – wird enger.

In Deutschland wird wegen der Wirtschaftskrise eine Debatte über die Präsenz von Frauen in Aufsichtsräten, Vorständen von Unternehmen, Banken etc. geführt. Andere, auch damit verbundene Themen sind: Lohnungleichheit, Teilnahme der Frauen an der Politik und ihr Zugang zu den höchsten politischen Ämtern. Womit beschäftigt sich die aktuelle Debatte in Polen?

Immer noch mit reproduktiven Fragen, mit dem Recht auf legale Abtreibung, sexuelle Erziehung. Diese Debatte wird von den konservativen Mächten blockiert, kehrt aber immer wieder zurück. Neuerdings als Auseinandersetzung in der Sache der Zulassung der in vitro Befruchtung. Die neuste und heißeste öffentliche Debatte bezieht sich auf die Einführung der Parität auf den Wahllisten.

Ich möchte Sie auch fragen, welche Eindrücke Sie auf dem im Juni 2009 stattgefundenen Frauenkongress gesammelt haben. Dieses Ereignis wurde von den deutschen Medien ganz übersehen, aber Beobachterinnen der Frauenbewegung in Polen glauben, dass es zu Unrecht geschah. Was war für Sie das Wichtigste, wenn es um das Programm und den Ablauf des Kongresses geht und auch um dessen Einfluss auf die Situation der Frauen in Polen?

Das Wichtigste ist wahrscheinlich, dass sich eine breite, „über die Spaltungen“ hinaus gehende Frauenbewegung formte. Es gelang, eine gemeinsame Handlungsbasis zu finden – den Kampf um die Parität. Es gelang auch, 150.000 Unterschriften für einen bürgerlichen Gesetzesentwurf zu sammeln und diesen in die Debatten des Parlaments einzubringen.

Ich bedanke mich für das Gespräch!